Achim - ein Feldhamsterjunge will zum Mond
Achim - ein Feldhamsterjunge will zum Mond

Die Geschichte von Moritz auf dem Mond

 

     In einer warmen windstillen Sommernacht fielen die Mondstrahlen auf eine duftende Heuwiese und das angrenzende goldgelbe Weizenfeld. Ein besonders vorwitziger Mondstrahl zwängte sich durch die Weizenähren am Feldrand und verschwand in der Schlupfröhre eines Hamsterbaues. Er folgte dieser langen schrägen Röhre immer weiter hinunter durch die braune Erde. Schließlich kam er in eine Wohnkammer, die mit allerlei Gräsern und Halmen ausgepolstert war.

     Zwei andere neugierige Mondstrahlen plumpsten durch eine Fallröhre kerzengerade tief nach unten in den Bau. Dann wirbelten sie alle drei durch die Wohnkammer, streiften über die wenigen Körner in der Vorratskammer und huschten, vorbei an der Toilette, durch eine zweite Schlupfröhre wieder hinaus auf die Wiese.

 

     Der Bau, den die Mondstrahlen gerade verließen, gehörte Frau Feldhamster, die hier vor drei Wochen ihre Kinder geboren hatte.

     Nackt und blind und winzig klein waren die vier Hamsterkinder zur Welt gekommen. In der ersten Zeit schliefen sie nur in ihrem weichen warmen Nest oder saugten die Milch, die sie zum Leben brauchten, aus den Zitzen der Mutter.

     Als sie fünf Tage alt waren, begann ihr Fell zu wachsen. Bald naschten sie auch von dem Klee und den Kräutern, die ihre Mutter von der Wiese mitbrachte und tapsten, noch immer blind, durch die Wohnkammer. Zwei Wochen nach der Geburt öffneten sich ihre Augen. Nun wuselten sie im Bau herum, purzelten übereinander, putzten sich und konnten mit ihren langen gebogenen Zähnchen schon die Körner nagen, die ihre Mutter in ihren Backentaschen nach Hause trug. In den letzten zwei Nächten hatten sie sogar schon draußen, dicht beim Bau, kleine Ausflüge gemacht.

 

     Jetzt waren die Hamsterkinder also schon drei Wochen alt und hatten heute ihre Mutter zum ersten Mal auf der nächtlichen Futtersuche begleitet. Kurz vor der Morgendämmerung waren sie wieder in den Bau zurückgekehrt, um sich die gesammelten Körner und Kräuter in Ruhe und Sicherheit schmecken zu lassen.

     Gerade hatte die Hamsterfamilie ihre Mahlzeit beendet. Oskar, der kräftigste der Geschwister, suchte noch nach den letzten Resten der gelben Rübe, die sie soeben verspeist hatten. Achim, Luise und Marie putzten sich schon fleißig mit den Vorderpfötchen den Staub aus ihrem Fell. Jetzt wurde es Zeit sich einzurollen, um den Tag zu verschlafen.

     „Wenn ihr euch in euer Schlafnestchen kuschelt, erzähle ich noch eine Geschichte“, sagte Frau Feldhamster zu ihren Kindern.

     „Erzählst du uns die Geschichte vom Maisfeld?“, bat Luise, die immer ganz genau zuhörte, wenn die Mutter erklärte, wie ein Hamsterbau gegraben wird und welche Vorräte für den Winter gesammelt werden mussten.

     „Mädchenkram!“, nörgelte Oskar, der noch nicht ganz verstanden hatte, dass es auch für einen Hamsterjungen äußerst wichtig war, über solche Dinge Bescheid zu wissen. „Erzähl uns noch einmal die Geschichte vom Urgroßvater und dem Dachs!“, forderte er.

     „Nein“, rief Marie, „dann fürchte ich mich wieder und träume den ganzen Tag davon!“ Marie war die kleinste der Geschwister und ein richtiges Angsthamsterchen.

      „Oh bitte, Mama!“, bettelte Achim. „Erzähl uns die Geschichte von Moritz auf dem Mond! Die ist am schönsten!“

     Seit Achim diese Geschichte zum ersten Mal gehört hatte, wünschte er sich nichts sehnlicher, als selbst zum Mond zu fliegen. Er hatte schon hin und her überlegt, wie er es anfangen könnte. Bisher war ihm noch nichts Richtiges eingefallen. Aber eines Tages würde ihm das gelingen. Dessen war er sich ganz sicher.

     „Schlüpft jetzt schnell in euer Nestchen“, sagte die Mutter, „dann erzähle ich euch die Geschichte von Moritz, dem Mausejungen. Das ist auch meine Lieblingsgeschichte, seit ich sie einmal von einer Mäuseoma gehört habe.

     Nun kuschelten sich die vier Hamsterkinder aneinander und zupften mit den Zähnchen das Heupolster um sich herum zurecht. Auch die Mutter legte sich zu ihnen hin. Als nichts mehr raschelte und alle still lagen, begann sie zu erzählen:

 

     „Jeden Abend leuchtete am Himmel eine große, runde, gelbe Scheibe. Immer wieder saßen die Mäuse in der Wiese und schauten hinauf.

     „Das ist der Mond“, wusste eine Maus.

     „Ich weiß“, antwortete eine andere, „aber woraus er wohl ist?“

     „Vielleicht aus einer Sonnenblume?“, schlug eine Dritte vor.

     „Nein“, meinte eine Vierte, „dann wäre er innen braun wegen der Körner.“

     So verwarfen die Mäuse eine Erklärung nach der anderen, bis sie zu dem Ergebnis kamen, der Mond könne nur ein großer Laib Käse sein.

 

     Moritz, ein kleiner Mausejunge, stellte sich vor, wie er Tag für Tag Käse essen könnte, wenn es ihm nur gelingen würde dort hinauf zu kommen.

     Mit einem Vogel, überlegte er. Ein großer Vogel, auf dessen Rücken ich mich setzen könnte. Ich muss nur aufpassen, dass ich einen finde, der keine Mäuse frisst!

     Enten, fiel ihm ein. Enten fressen keine Mäuse und am See waren immer genug davon. Fliegen können sie auch, dachte er. Sofort machte sich Moritz auf zum See.

     „Sie, Frau Ente!“, rief er der ersten Entendame zu, die ihm begegnete. „Ich will zum Mond hinauf! Können Sie mich hinfliegen?“

     „Dort hinauf?“, wunderte sich die Entendame. „Also - ich weiß nicht - ob ich da hinauf komme? Nein - ich glaube lieber nicht!“

     „Ich mach das, ich mach das!“, schnatterte ein Enterich und watschelte flügelschlagend herbei. „Hochflug ist mein Hobby! Das machen wir gleich heute Abend!“

 

     Kaum war der Mond als große, runde Scheibe am Himmel zu sehen, rannte Moritz zum See. Er setzte sich auf den Rücken des Enterichs, genau zwischen die Flügel, und hielt sich an den Federn fest. Der Enterich nahm Anlauf und hoch ging es in die Lüfte. Immer höher hinauf zum Mond.

     „Du musst noch viel höher fliegen!“, rief Moritz. „Wenn du über die Scheibe fliegst, kann ich hinunterspringen.“

     Der Enterich keuchte schon vor Anstrengung. So schwer hatte er sich den Flug zum Mond nicht vorgestellt. Noch einmal nahm er alle Kraft zusammen und schaffte es tatsächlich, dicht über den Mond zu fliegen.

     „So geht es!“, rief Moritz. „Danke!“ Er schob sich vorsichtig am Entenrücken entlang, bis zum Anfang der Schwanzfedern, zielte - und sprang hinunter auf die Mondscheibe.

 

     Etwas unsanft kam Moritz auf seinen Pfötchen auf und schüttelte sich erst einmal. Dann leckte er vorsichtig an der Scheibe. Er konnte sein Glück kaum fassen: Käse! Das war wirklich fetter, wohlschmeckender Käse.

Sofort begann er am Rand des Käses zu essen. Er hörte erst wieder auf, als er Bauchweh bekam. Nach dem langen Tag und der aufregenden Reise war er auch sehr müde. So legte er sich hin und schlief sofort ein.

 

     In den nächsten Tagen aß und schleckte er weiter an dem köstlichen Käse. Immer von der oberen Seite der Scheibe zur unteren.

Dann wieder hinauf und stets ein bisschen mehr aus der Mitte, weil da der Käse besonders weich und lecker war. Zwischendurch beobachtete er, was unter ihm auf der Erde alles passierte, so dass ihm auch nicht langweilig wurde. Abends legte er sich hin und schlief bis zum nächsten Morgen.

     Nach einer Woche hatte er schon die Hälfte der Scheibe aufgegessen und ein ganz schönes Bäuchlein angesetzt. Nach der zweiten Woche war die Scheibe nur noch ein schmaler Rand, auf dem er gerade noch Platz hatte. Moritz begann, sich Sorgen zu machen...

 

Copyright Brunhilde Küfer